Dienstag, 21. April 2026

Herr Graufell und Weißfellchen

Tiere inspirieren mich immer wieder zu Geschichten. Heute begeben wir uns unter die Erde, wo Herr Graufell auf uns wartet. - Ja und in der nächsten Geschichte, das verrate ich heute schon mal, geht es noch einmal um Emil, den Esel, und Müsli, die Maus. Auch in der Geschichte wird ein Maulwurf eine Rolle spielen. - Aber jetzt wünsche ich euch zunächst einmal viel Freude beim Lesen dieser Geschichte! - Schön, dass du da bist!


Tief unter der Erde, wo Dunkelheit herrscht, ist das Zuhause von Herrn Graufell. Der Maulwurf war bei all den kleinen Tieren, die in der Tiefe der Erde wohnten, für seine Liebe zu Berichten aus der örtlichen Zeitung bekannt.

Jeden Morgen, nachdem ihm die Zeitung zugestellt worden war, griff er zu seiner Brille, setzte sich in seinen gemütlichen Schaukelstuhl und las mit größter Begeisterung die neuesten Nachrichten aus dem Tierreich.

Doch an diesem Morgen war alles anders. Ein kleines Missgeschick in der Nacht hatte seine Brille in zwei Teile zerbrochen. Aber ohne seine Brille konnte Herr Graufell kaum etwas erkennen, geschweige denn seine heißgeliebte Zeitung lesen.

Verzweifelt tastete er nach den Seiten, seufzte tief und wiegte sich traurig im Schaukelstuhl.

Just, als er glaubte, dass dieser Tag kein Glückstag für ihn werden könnte, nahm er ein leises Rascheln am Eingang seines Erdganges wahr. Neugierig lugte er auf und sah – oder besser: erahnte – eine kleine Maus, die vorsichtig seine Stube betrat.

„Entschuldigung, ich glaube, ich habe mich verlaufen“, piepste die Maus und sah sich um. „Mein Name ist Weißfellchen – und wo bitte bin ich hier gelandet?“

„In meinem Wohnzimmer!“, antwortete der Maulwurf. „Fühl dich willkommen. Ich bin Herr Graufell und wie du vielleicht weißt, können Maulwürfe nicht gut sehen, weshalb ich eigentlich eine Brille trage. Eigentlich! Doch nun ist sie kaputt und ich kann meine geliebte Zeitung nicht mehr lesen“, fiel er sogleich mit der Tür ins Haus. „Deshalb geht es mir gerade nicht so gut. Man möchte doch wissen, was in der Welt geschieht, nicht wahr?“

Weißfellchen kicherte kurz, hüpfte auf den Tisch, und meinte: „Ach, das ist doch gar kein Problem! Ich kann schauen wie eine Eule bei Nacht und lesen kann ich auch. Gib mir deine Zeitung und ich lese dir vor!“

Herr Graufell strahlte zum ersten Mal an diesem Tag. Gemeinsam breiteten sie die Zeitung auf dem Tisch aus. Weißfellchen räusperte sich kurz und las würdevoll die erste Nachricht des Tages: „Wetterbericht: Heute bleibt es mild, weshalb unterirdisch mit vermehrtem Regenwürmer-Aufkommen zu rechnen ist.“

„Das klingt nach perfektem Wetter für einen Spaziergang durch die Tunnel“, sagte Herr Graufell schmunzelnd.

„Lokale Nachrichten: Die Kaninchenfamilie Feldhoppel hat Nachwuchs bekommen. Sechs kleine Kaninchen hoppeln nun durch die Wiesen.“

Die Maus kicherte. „Stell dir vor, so viele Kinder! Glaubst du, die Eltern können sich all die Namen merken?“

„Wahrscheinlich nennen sie sie einfach Nummer Eins bis Sechs“, witzelte Herr Graufell.

Weißfellchen las weiter: „Ein Igel wurde heute dabei erwischt, wie er aus Versehen im Kreis lief. Offensichtlich war sein Kompass defekt.“

Beide prusteten los vor Lachen. Sie sprachen darüber, wie es wohl wäre, wenn auch Maulwürfe Kompasse hätten, und philosophierten über die Orientierung im Dunkeln.

Während die Maus weiter vorlas, diskutierten die beiden eifrig über das Wetter, das Kaninchenchaos auf der Wiese und darüber, dass auch Igel mal einen schlechten Tag haben dürfen.

Herr Graufell erzählte von seiner Angst, nie wieder selbst lesen zu können, als die Maus philosophierte: „Weißt du, manchmal sieht man mit dem Herzen besser als mit den Augen.“

Dann überlegten beide, wie man die Brille des Maulwurfs reparieren könnte und bastelten bald darauf eine Notfallbrille aus Draht und einem alten Löffelstiel. Vorsichtig setzten sie das Glas der alten Brille dort ein. Es hielt. Zumindest halbwegs. Und Herr Graufell erkannte begeistert, dass er damit zumindest die großen Überschriften lesen konnte.

Von diesem Tag an besuchte Weißfellchen den neuen Freund jeden Morgen und las ihm aus der Zeitung vor. Anschließend diskutierten und lachten sie über die Berichte.

Wer hätte gedacht, dass aus einem Missgeschick und einer zufälligen Begegnung eine wunderbare Freundschaft entstehen würde.

Schlecht sehen zu können, war nur noch halb so schlimm mit einem Freund an seiner Seite, der einem die Welt vorlas.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

 

 

4 Kommentare:

  1. Herrlich, liebe Martina,
    ich habe deine Geschichte mit Freuden gelesen und genossen und weißt du was? Der Igel könnte in einen Kreisverkehr geraten sein und sein Kompass ist gar nicht kaputt? Wahrscheinlich weiß er das aber längst, oder es hat ihm einer gesagt!
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Genauso wird es gewesen sein! Vermutlich rennt er immer noch im Kreis.
      Herrlich!!!! Und Danke für deinen Kommentar! Martina

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  2. Sehr lustig und auch lehrreich, was Freundschaften betrifft. Danke für die schöne Geschichte in meiner Linkparty!
    LG Elke

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    1. Dankeschön, liebe Elke! Ich freue mich sehr über deinen Kommentar und schick dir liebe Grüße! Martina

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