Beim letzten Mal hatte ich ja schon angekündigt, dass es eine weitere Geschichte mit Emil, dem Esel, und Müsli, der Maus, geben wird.
Hier ist sie! Viel Freude beim Lesen!
Der junge Esel Emil und die kleine Maus Müsli verbrachten einen wunderbaren Vormittag in der Nähe des Bachlaufes. Die Sonne schien warm und brachte das graue Fell des Esels zum Glänzen.
„Was denkst du“, fragte Müsli in diesem Moment,
„wollen wir auf die andere Seite der Weide gehen? Dort soll der Klee besonders
üppig wachsen. Und wir könnten einen kleinen Spaziergang machen.“
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Statt
darauf etwas zu erwidern oder loszugehen, stemmte Emil seine Hufe besonders
fest in den Boden.
„Was ist los, Großer?“, piepste Müsli, die auf
Emils rechtem Ohr saß und sich an einem Haarbüschel festhielt. „Der Klee
wartet.“
Emil schnaubte kurz, während er die weiße Rinde
einer Birke in seiner Nähe anstarrte.
Was Müsli nicht ahnte: im Kopf des Esels
passierte etwas Neues. Da war plötzlich ein Gefühl, das ihm deutlich
signalisierte: Nein!
Kein Nein aus Angst und auch kein Nein, weil er
müde war, sondern ein … ziemlich störrisches: NEIN!
„Ich gehe nirgendwohin“, sagte Emil dann.
Müsli rutschte ein kleines Stückchen an seiner
Stirn hinunter, bis sie genau zwischen seinen Augen saß. „Bist du verletzt?
Hast du eine Distel im Huf?“, fragte sie besorgt.
„Nein“, erwiderte Emil ungerührt, senkte den
Kopf, bis seine Nüstern fast den Boden berührten und machte seinen Rücken ganz
steif. „Ich möchte nicht.“
Müsli legte die Pfoten in die Hüften. „Wie, du
möchtest nicht?! Setz eine Hufe vor die andere, wie du es sonst auch getan hast
und in Nullkommanix sind wir bei dem leckeren Klee angekommen!“
Vorsichtig versuchte sie, den Esel anzuschieben,
doch das hatte denselben Effekt, als wenn eine Fliege versuchen würde, eine Kuh
vom Eis zu treiben. Als der Versuch kläglich scheiterte, versuchte die Maus es
mit gutem Zureden und sogar mit einem kleinen Tanz auf seinem Rücken. Aber Emil
blieb wie versteinert. Er hatte seine Ohren seitlich weggeklappt und sein Blick
war starr auf den Baum gerichtet.
Je mehr Müsli drängelte, desto fester schienen
seine Hufe mit der Erde zu verwachsen.
„Jetzt weiß ich es“, murmelte Müsli, kletterte
von Emil herunter und setzte sich erschöpft auf einen Kieselstein. „Das
Störrische. Davon hat mir meine Oma erzählt. Wenn ein Esel beschließt, ein
Denkmal zu werden, dann wird er ein Denkmal.“
Emil sagte nichts. Irgendwie genoss er die
Situation, die im Verweigern und im Stillstehen lag. Während Müsli auf ‚weiter‘
drängte, beschloss er ‚halt‘ zu sagen. Emil fühlte sich richtig mächtig in
diesem Moment.
Nach einiger Zeit seufzte Müsli. „Na gut. Wenn
wir hierbleiben, dann bleiben wir halt hier.“
Während Emil immer noch völlig unbeweglich in der
Landschaft herumstand, begann die Erde direkt neben dem Kieselstein zu beben. Ein
kleiner Hügel warf sich auf. Die dunkle Erde krümelte zur Seite, bis sich
schließlich eine kleine rosa Nase zeigte, gefolgt von zwei kräftigen
Schaufelpfoten.
„Was ist denn hier los?“, brummelte eine tiefe,
leicht heisere Stimme. „Man kommt ja gar nicht zum Mittagsschlaf, weil ihr zwei
euch zankt!“
Es war Paule, der Maulwurf. Er blinzelte mit
seinen winzigen Augen in das helle Sonnenlicht, während er eine imaginäre
Brille zurechtzurücken schien.
In dem Moment sah er Müsli auf dem Stein sitzen.
Anschließend wanderte sein Blick die langen, grauen Beine von Emil hinauf, bis
er den starren Blick des Esels erreichte.
„Ah“, sagte Paule und stützte sich gemütlich auf
den Rand seines Erdhügels. „Ich sehe das Problem. Klassischer Fall von
störrischem Esel.“
Müsli sprang auf. „Paule! Kannst du ihm nicht
sagen, dass der Klee da vorne viel besser schmeckt und er sich endlich in
Bewegung setzen soll?“
Paule lachte kurz auf. „Spar dir den Atem, Müsli.
Ich lebe schon seit Generationen unter diesen Weiden und schon mein Urgroßvater
hat mir von störrischen Eseln erzählt. Wenn die Hufe erst mal Wurzeln schlagen,
dann hilft kein Schieben und kein Ziehen und auch kein Zureden.“
Dann wandte er sich Emil zu, der immer noch kein
Ohr rührte. „Wisst ihr“, fuhr der Maulwurf fort und kratzte sich am Bauch,
„mein Urgroßvater traf mal einen Esel, der stand drei Tage lang vor einer
Pfütze, ohne zu trinken. Und dann fiel er einfach um.“
Emil zuckte kurz mit dem linken Ohr. Paule
bemerkte es sofort.
„Sie sind sehr stolz auf ihre Sturheit“,
flüsterte der Maulwurf Müsli zu. Natürlich laut genug, damit Emil ihn auch
hören konnte. „Wenn du meinen Rat hören möchtest. Lass ihn einfach hier stehen
und geh allein auf die andere Seite.“
Emil schnaubte empört. „Ich bin kein bisschen
störrisch“, brummte er.
„Du bist störrisch, mein Lieber“, entgegnete
Paule. „Du stehst da wie ein riesiger Felsbrocken und denkst keine Minute
daran, wie sich das für deinen Freund anfühlt. Naja, Freund! Auf einen Freund
wie dich kann man wohl verzichten.“
Sprach es und verschwand mit einem leichten
Rascheln im Erdreich.
Plötzlich fühlte sich Emil gar nicht mehr gut und
schon gar nicht ‚mächtig‘. Er wollte doch ein guter Freund für Müsli sein und
kein Denkmal oder Felsbrocken.
In dem Moment schaute die Maus Emil direkt in die
Augen. „Wie siehts aus, Großer?“, fragte sie ein weiteres Mal. „Willst du
warten, bis du Moos ansetzt oder gehen wir jetzt zum Klee?“
Und genau in diesem Moment hob Emil den ersten
Huf...
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen