Nachdem vor einiger Zeit der Deckel mit einem unsanften Ruck zugefallen war, war es in der Kiste dunkel und stickig geworden. Anschließend hatten sie dumpfe Schritte auf der Treppe wahrgenommen und wussten: jetzt wurden sie auf den Dachboden zurückgebracht, weil ihre Aufgabe für dieses Jahr beendet war. Die Weihnachtszeit war vorbei.
„Da liegen wir nun wieder“, brummte der Esel und
versuchte vergeblich, seine hölzernen Beine zu sortieren. „Kaum ist der 6.
Januar vorbei, sind wir nur noch alter Plunder, der im Weg rumsteht.“
„Es ist jedes Jahr dasselbe“, pflichtete ihm
einer der Hirten bei, der mit dem Gesicht nach unten auf einem Strohstern lag.
„Unten im Wohnzimmer haben sie gesungen und von Frieden auf Erden gesprochen.
Aber kaum hatten sie den Baum abgeschmückt, hörte ich schon wieder, wie der
Hausherr über die Nachbarn herzog und die Mutter mit den Kindern schimpfte.“
Der kleine Engel pflichtete dem Hirten bei: „Du
hast recht. Die Botschaft der Liebe hält bei ihnen nicht länger als der Glanz
der Christbaumkugeln.“
„Die Menschen scheinen vergesslich zu sein“,
seufzte König Kaspar. „Sie stellen uns auf, weil es Tradition ist, aber sie
nehmen unsere Botschaft nicht mit in ihren Alltag.“
Während die Figuren so über die Lieblosigkeit der
Menschen klagten, bemerkten sie gar nicht, wie der Unmut auch unter ihnen
wuchs.
„Aua!“ herrschte der Ochse den Esel an. „Nimm
sofort deinen hölzernen Huf aus meinem Auge! Du trampelst auf mir herum, du
störrisches Langohr, und merkst es nicht einmal!“
„Weil ich mich kaum bewegen kann, du Hornochse!“, gab der Esel bissig zurück.
„Du nimmst mit deinem dicken Bauch den ganzen Platz ein. Wenn du schlanker
wärst, könnten wir alle bequemer liegen.“
„Mäh! Ruhe jetzt!“, blökte ein Schaf dazwischen,
das unter dem schweren Mantel eines Königs eingequetscht war. „Ihr denkt gerade
nur an euch. Aber schaut mich an. Ich verliere hier bald meine gesamte weiße
Farbe, weil ihr mich ständig gegen die raue Kistenwand drückt. Aber Hauptsache,
ihr Großen habt es bequem!“
„Und was ist mit mir?“, rief der kleine Engel,
der Angst um seine Flügel hatte. „Gerade hat ein Hirte seinen Hirtenstab direkt
in meine Harfe gesteckt! Und was geschieht, wenn ihr mir einen Flügel abknickt?“
Der Streit wurde immer lauter. Vorwürfe flogen
hin und her und es dauerte nicht lange, da wurden sogar alte Kränkungen aus den
vergangenen Jahrzehnten hervorgeholt. Und so war auch in der dunklen Kiste nichts
mehr von weihnachtlicher Harmonie zu spüren.
Doch dann durchbrach eine ruhige Stimme
den Tumult. Es war Maria, die in ihrer weisen und sanften Art zu ihnen sprach: „Sagt,
hört ihr euch eigentlich zu? Wir beklagen uns darüber, dass die Menschen den
Frieden vergessen, sobald sie uns wegpacken. Aber schaut uns an: Kaum sind wir
unter uns, tun wir genau dasselbe. Wir urteilen, wir schimpfen und wir
vergessen, warum wir überhaupt hier sind.“
Betretenes Schweigen folgte ihren Worten. Dann
fuhr sie fort: „Die Menschen sind wahrlich nicht perfekt und ja, sie verlieren
das Licht manchmal aus den Augen; gerade dann, wenn ihr Leben laut und schwer
ist. Aber genau deshalb gibt es uns. Wir haben eine wichtige Aufgabe! Wir sind
die ‚Hüter der Erinnerung‘. Versteht ihr?! Deshalb frage ich euch, wie sollen
wir in ihrer Welt als Zeichen des Friedens leuchten, wenn wir uns hier oben
streiten? Wir müssen mehr Geduld mit ihnen haben - und vor allem mit uns selbst.“
Beschämt rückten der Ochse und der Esel ein Stück
beiseite. Das Schaf hörte auf zu meckern, und der Engel versuchte vorsichtig, seine
Harfe ein bisschen dichter an sich heranzuziehen.
„Sie hat recht“, flüsterte der Esel. „Wir sollten
nicht nur darauf warten, dass die Menschen sich ändern. Wir müssen selbst das
Licht bewahren.“
Augenblicklich veränderte sich die Stimmung in
der Kiste und der Ochse hatte eine Idee. „Was denkt ihr“, fragte er, „sollen
wir ein bisschen Licht in die Kiste bringen? Kennt ihr das Märchen von den
Stadtmusikanten? Esel, komm her, spring auf meinen Rücken. Und dann du Schaf.
Klettere auf den Rücken des Esels. Dann werde ich von unten schieben und wir
heben mit vereinten Kräften den Deckel an.
Bald darauf stellte sich der Ochse stabil auf den
Boden der Kiste. Der Esel wiederum stand auf seinen kräftigen Schultern und das
kleine Schaf kletterte vorsichtig ganz nach oben.
Gemeinsam drückten sie mit ihren Rücken gegen den
schweren Holzdeckel, der nicht fest verriegelt war und sich bald darauf mit
einem leichten Knarzen öffnen ließ. Sogleich fiel ein strahlender Streifen
Licht direkt aus dem Dachfenster in die Kiste hinein.
Zeitgleich hob sich die Stimmung unter ihnen,
denn sie wussten, dass das Licht die Welt niemals verlassen wird.
Und so nahmen sie sich vor, aufeinander achtzugeben,
bis es wieder Zeit war, den Menschen unten im Wohnzimmer von der großen Liebe
zu erzählen.
Sie nahmen sich fest vor, untereinander den
Frieden wahren - das ganze Jahr über.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Nachwort: Es gibt in meinem Blog eine Geschichte, die
mehr als alle anderen immer wieder aufgerufen wird und das ist diese hier:
„Frieden ist wie Watte!“. Sie wurde inzwischen doppelt so oft aufgerufen, wie
die Geschichte: „Glücksmomente zu verschenken“. Frieden und Glück sind Themen,
die immer wieder einen Platz in meinen Geschichten erhalten werden. Ein
bisschen auch deshalb, weil ich mich selbst immer wieder daran erinnern möchte,
wie wichtig es ist, IN SICH den Frieden zu wahren und glückliche Momente
wahrzunehmen. - Auch in die Geschichte „Echt jetzt?!“ sind Friedensgedanken
eingeflossen. - Lasst uns nicht müde werden darin, den Frieden zu wahren und
auch zu fordern, wo man ihn aus Machtgründen heraus gefährdet, denn: Glücklich
zu sein ist unser Geburtsrecht! Das dürfen wir nicht vergessen!
Liebe Martina, so könnte es tatsächlich zugegangen sein in der Kiste mit den Weihnachtssachen. Gut, dass sie die Kurve bekommen haben und sie nun gemeinsam dafür gesorgt haben, dass Licht ins Dunkel kommt.
AntwortenLöschenZu deinem Nachwort: das unterschreibe ich so, das Wichtigste ist, Frieden zu bewahren und was wir (besonders wir Schreiberlinge) dazu tun können, das sollten wir tun. Der Aufruf deiner Geschichten, die von Frieden und vom Glück handeln beweist es ja, dass wir alle Sehnsucht danach haben!
Danke und alles Liebe
Regina
Danke, liebe Regina! Ja, das beweisen die Aufrufe. Das sehe ich auch so. - Mir fällt es immer sehr schwer, die Gedanken derer nachzuvollziehen, die sich nicht für den Frieden einsetzen (um es mal vorsichtig zu formulieren).
LöschenWir sagen so oft 'Ich allein kann ja nichts ausrichten'. Aber wir sind ja viele, die das sagen und denken. - Ich stieß im Internet mal auf eine Geschichte einer früheren Arbeitskollegin. Darin herrschte soooo viel Dunkelheit, dass ich dachte: Niemals werde ich derartige Geschichten schreiben, weil ich wie du glaube, dass wir Schreiberlinge mit lichtvollen Gedanken und Geschichten auch Lichtvolles ins Herz der Leser 'zaubern' können.
Die Sonne scheint - und das tut richtig gut!
Liebe Grüße!
Martina