Freitag, 15. Mai 2020

Kino und Popcorn


Es ist wieder Zeit für eine neue Reizwörtergeschichte - und das waren diesmal unsere Vorgaben:  Kerl, Angebot, segnen, wuschelig, fertig

Wie immer, so gibt es auch diesmal weitere Geschichten mit diesen Wörtern bei Lore und Regina zu lesen.

Ich möchte euch gerne von mir und meinem Leben mit meinem Besitzer erzählen und das tue ich doch am besten, bevor ich das Zeitliche segne.
Ihr merkt schon, ich habe Humor. Den muss ich auch haben. Mein Eigentümer ist nämlich ein ziemlich spezieller Kerl.
Ihr glaubt gar nicht, wie viele Frauen ich schon an seiner Seite gesehen habe.
Doch bevor ich von einigen seiner Bekanntschaften berichte, erzähle ich zunächst einmal, wie mein Besitzer und ich überhaupt zueinander fanden. Das war nämlich so: Das Angebot an Sofas war in diesem Möbelhaus sehr groß und so stand ich zwischen vielen meiner Kollegen und einige sahen zugegebenermaßen um einiges besser aus, als ich in meinem mausgrauen Anzug.
Und so kam es, dass ich eine lange Zeit unbeachtet dort mein Dasein fristete und zwar genau bis zu dem Moment, in dem Milo das Haus betrat. Er sah mich – und wohl auch meinen reduzierten Preis – und schwupp die wupp nahm er mich mit zu sich nach Hause.
Ein paar Freunde hievten mich durchs Treppenhaus in seine Wohnung. Dabei hab ich mir den einen oder anderen kleinen Kratzer an meinen dunklen Holzbeinen zugezogen, doch wie sich herausstellte, störte das meinen Besitzer in keiner Weise.
Damals lebte Franz-Ferdinand noch bei ihm. Er war ein süßer kleiner Hund mit weißem, sehr wuscheligem Fell. Natürlich durfte er es sich auf mir bequem machen. Und das tat er auch gerne und oft.
Spätestens abends, wenn Milo auf mir seinen Platz einnahm, setzte sich der Hund neben ihn, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen.
Okay, ich gebe es zu: Manchmal war ich schon ein bisschen neidisch auf den Köter. Sorry: auf Franz-Ferdinand. Für mich blieben überhaupt keine Streicheleinheiten übrig. Ich wurde nur hin und wieder – nämlich genau dann, wenn Milo wieder einmal ein neues weibliches Wesen zu sich in die Wohnung eingeladen hatte -abgesaugt.
Das war dann auch dringend nötig, denn neben dem einen oder anderen Chips- oder Kekskrümel zierten mich etliche Hundehaare. Aber das tat meiner Schönheit in den Augen meines Besitzers wohl keinen Abbruch.
Ja, dann erzähle ich euch doch am besten mal von der ersten Dame, die ich kennenlernen durfte und deren Allerwertester auf mir landete.
Die junge Frau, die auf den Namen Aurelia hörte, war zwar sehr hübsch, aber ebenso kindisch. Ständig kicherte sie albern herum und das nervte schließlich nicht nur mich, sondern auch Milo. Von daher gibt es über diese Dame nicht viel zu erzählen, da sie schnell der Vergangenheit angehörte. Von daher sage ich es mit den Worten von Giovanni Trapattoni: Ich habe fertig!
Nach ihr kam eine Dame, die mich wirklich beeindruckt hat und über die ich mich gerne auslassen möchte.
Sie hieß Tilda und war ein kleines bisschen verrückt. So sagte sie beispielsweise über sich, dass sie ein Feind – räusper: eine Feindin – der lieblosen Sprache sei. Ja, da hab ich genau so dumm aus der Wäsche geschaut, wie Milo, doch was sie dann ausführte, war echt interessant. So riet sie ihm zum Beispiel, kurze Sätze zu formen. Allerdings auch keine abgebrochenen, wie zum Beispiel: „Komme gleich!“ oder „Bin gleich wieder da!“
Sie meinte, dass ihr Ich-lose, lieblose und unvollständige Sätze ein Graus seien und dass die Menschen, die das ‚ich‘ aus ihren Sätzen strichen, sich selbst quasi aus dem Geschehen streichen würden.
Habt ihr darüber schon einmal nachgedacht? Also ich nicht und mein Besitzer auch nicht.
Tilda war ebenso ein Fan von wohltuenden Wörtern. Dazu zählte sie Wörter wie Heilung, Güte, Ehrlichkeit, Weisheit, Geduld und Wohlwollen. Aber mal ehrlich, wie oft benutzt man sie? Also Milo benutzt sie eher selten oder nie.
Richtig witzig fand ich auch ihre Reaktion, als mein Besitzer meinte: „Ich gehe jetzt eine Runde joggen und später beim Bäcker vorbei!“ Klar, jeder weiß, was gemeint ist, doch Tilda berichtigte ihn sogleich: „Du gehst also joggen und später zum Bäcker, um dort einzukaufen?“ 
Ich sehe noch den dummen Blick, den Milo ihr zuwarf, als er antwortete: „Hab ich doch gesagt!“ – Also die Debatte, die sich anschloss, die erspar ich euch, aber diesen Satz, den Tilda als Vergleich brachte und den man hin und wieder in Krankenhäusern hört, den erspare ich euch nicht: „Wir haben den Patienten verlegt.“ Kicher! Hoffentlich finden sie ihn bald wieder.
Inzwischen ist Tilda längst Geschichte und jetzt gibt es Valentina in unserem Leben. Das ist wirklich eine ebenso außergewöhnliche Frau mit noch abenteuerlicheren Gedanken.
Valentina denkt nämlich stets ‚im Großen‘. Also, ich meine damit, dass sie nicht nur an sich denkt und was für sie am besten ist, sondern sie denkt darüber nach, was für die ganze Welt das Beste wäre. Also ehrlich, so einen Menschen hatte ich vorher noch nicht kennen gelernt.
Also eines haben sie und Tilda gemeinsam: auch Valentina ist der Meinung, dass eine gute Kommunikation wichtig ist. Und sie meint sogar, dass die Menschen im Moment Masken trügen sei ein Sinnbild dafür, dass sie sich ohnehin oft hinter ihren imaginären Masken aus Lügen verstecken würden. Diese These ist schon sehr gewagt, wie ich finde. Allerdings hatte ich schon oft den Eindruck, dass die Menschen nicht ehrlich miteinander umgehen. Insofern hat Tilda recht.
Übrigens gab es letztens zwischen ihr und Milo eine Debatte, weil sie der Meinung ist, dass er viel zu viel ‚Zeug‘ besitzt. „Willst du dich nicht irgendwann einmal von all dem Ballast befreien?“, fragte sie ihn. „Es gibt so viele Dinge in deinem Leben, die du gar nicht benötigst. Was meinst du, wie leicht dein Leben würde, wenn du dich nur auf das Nötigste konzentrieren würdest.“
Mir wurde ehrlich gesagt etwas mulmig bei dieser Aussage. Vielleicht gehöre ich in ihren Augen ja auch zu dem Müll, der nicht benötigt wird. Aber das glaube ich eigentlich nicht. Und außerdem: So schnell entsorgt Milo mich nicht. Schließlich sind wir zwei wie Topf und Deckel, wie Salz und Pfeffer, wie Mond und Sterne oder wie Kino und Popcorn.

© Martina Pfannenschmidt, 2020


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.
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Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Martina,

    es war mir eine große Freude, diese Geschichte heute morgen zu lesen. Sie hat mich amüsiert, mit einem dicken breiten Grinsen habe ich hier gesessen und gespannt gelesen, was dem Sessel noch so alles widerfahren ist. Während des Lesens entstanden Bilder in meinem Kopf, die ich nun nutzen möchte, um sie aufzuschreiben. danke!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Liebe Regina, ich habe keine Ahnung, warum sich diesmal ein Sessel bzw. Sofa zu Wort melden wollte. - Es ist einfach so passiert. Grins - Wie schön, wenn ich dich dadurch vielleicht zu einer weiteren Geschichte inspirieren durfte. - Danke fürs Lesen und liebe Grüße! Martina

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  2. Hat nicht sogar mal eine Ziege bei dir philosophiert, hihi
    Am besten gefiel mir der Satz ihr Allerwertester auf mir landete, Kopfkino pur und breites Grinsen.
    Wie immer schön geschrieben und hat mir mein Frühstück versüßt
    Wünsche dir ein schönes Wochenende, eine amüsierte Lore

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    1. Wie, ich habe es komplett ohne Zucker oder Süßungsmittel geschafft, dir dein Frühstück zu versüßen?! Darauf bin ich aber mächtig stolz. :-))))

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  3. Die Reizwortgeschichte gefällt mir gut und sie hat mich zum Schmunzeln gebracht.
    Danke für den Link.
    LG Elke

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  4. Liebe Martina, was man doch alles mit Sinn zum Reden bringen kann. Ich musste so lachen, bei der Vorstellung , der Damen die auf dem Sofa Platz nahmen. Oha, da hätte ja noch einiges zusammenkommen können. So ein Sofa macht doch plümmerig. Eine schöne Inspiration ist da über Dich gekommen, toll und gut geschrieben, alle Reizwörter vorhanden.
    Liebe Grüsse zu Dir, bleibe gesund, Klärchen

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  5. :) :) :) Was so ein Sofa alles erzählen kann,ich bin fast vom Stuhl gekippt vor Lachen.
    Schöne Wochenende liebes Klärchen.
    Mit fröhlichem Gruß,
    Helga

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  6. Oh Martina meinte ich, Entschuldigung.

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