Mittwoch, 18. Februar 2026

Die Botschaft der Kiesel

Elisabeth war viele Jahre lang als Grundschullehrerin tätig, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde.

In den ersten Monaten fühlte sich die Pensionierung noch wie lange Sommerferien an. Elisabeth las, pflegte ihren kleinen Balkon, besuchte gelegentlich das Gemeindezentrum und genoss die Zeit.

Doch leider schlich sich bald ein Gefühl von Sinnlosigkeit in ihr Leben und blieb wie ein dunkler Schatten an ihrer Seite. In schlaflosen Nächten dachte sie darüber nach, dass ihr Alltag einst von Kinderstimmen und dem Rascheln von Heften erfüllt gewesen war. Sie hatte es geliebt, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie fragte sich, was ihr während der Schulzeit am wichtigsten gewesen war. Bald fand sie die Antwort: Es waren die kleinen Zeichen von Hoffnung gewesen, die sie den Kindern oftmals zugesprochen oder mitgegeben hatte. Und so überlegte sie, wie sie nun außerhalb der Schule solche Spuren hinterlassen könnte?

Eines Morgens, beim Spaziergang am Flussufer, fielen ihr die glatten, schönen Kieselsteine auf, die zwischen dem Gras lagen. Ihre Finger fuhren über die kühlen Oberflächen und plötzlich war da ein Gedanke: Sie würde die Steine bemalen, verzieren und mit kurzen, mutmachenden Sätzen beschriften. Sie wollte kleine Botschaften für all jene darauf schreiben, die vielleicht einen Lichtblick brauchten.

Und so besorgte sie sich Acrylfarben und Lackstifte, richtete sich in ihrer Wohnung einen Arbeitsplatz ein und begann, die Kieselsteine zu bemalen. Jeder Stein bekam ein eigenes Muster, manchmal bunte Blumen, manchmal nur zarte Linien. Anschließend schrieb sie kleine Sätze darauf.

Auf den ersten Stein schrieb sie: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Auf den zweiten: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang“ und der dritte Stein erhielt die Worte: „Auch leise Stimmen verändern die Welt.“

Mit einem Lächeln in ihrem Gesicht legte Elisabeth die Steine sorgfältig in ihre Manteltasche und machte sich auf den Weg in den nahegelegenen Park.

An einem alten Brunnen setzte sie sich, betrachtete die vorbeigehenden Menschen und legte die Steine unbemerkt an Stellen, an denen sie leicht gefunden werden konnten. Einen legte sie auf eine Bank, den anderen auf eine niedrige Mauer und den dritten an den Rand des Spielplatzes.

Sie blieb noch eine Weile im Park und spürte, wie sich eine neue, leise Freude in ihr ausbreitete. Dann ging sie nach Hause in der Gewissheit, dass die Steine genau zu den Menschen finden würden, die die ermutigenden Sätze benötigten.

Und so wurde der erste Stein von Lena gefunden. Sie hatte gerade ihren Job verloren und die Angst vor der Zukunft lastete auf ihr. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf der Bank nieder. Dabei fiel ihr Blick auf den bemalten Stein. Sie nahm ihn an sich und las die Worte: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Tränen stiegen in ihre Augen und zeitgleich machte sich ein Gefühl des Trostes in ihr breit. Nein, sie würde nicht aufgeben, sondern einen neuen Weg einschlagen.

Herr Baumann, ein älterer Mann, der seine Frau vor ein paar Monaten verloren hatte, entdeckte den Stein mit der Aufschrift: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang.“ – Der Schmerz über den Verlust seiner Frau war groß und oft fragte er sich, ob das Leben überhaupt noch etwas für ihn bereithielt, doch dieser Stein und die Worte berührten ihn tief. Zum ersten Mal seit Langem beschloss er, aus dem Schatten des Verlustes und der Trauer herauszutreten und jeden Tag als ein Geschenk zu sehen.

Der dritte Stein – „Auch leise Stimmen verändern die Welt“ – landete in den Händen von Samuel, einem schüchternen Teenager, der sich oft unsichtbar fühlte und der das Gefühl hatte, in der lauten Welt niemals gehört zu werden. Als er diesen Satz las, war ihm, als habe jemand genau ihn gemeint. Und so wurde der Stein zu seinem Talisman, der ihm den Mut vermittelte, sich mit seinen Ideen einzubringen.

Elisabeth wusste nichts von all dem, doch sie hatte das Gottvertrauen, dass die Steine von genau den richtigen Personen gefunden werden würden.

Und so malte und schrieb sie weiter und fand auf diese leise Weise einen neuen Sinn für sich und ihr Leben. 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.



1 Kommentar:

  1. Liebe Martina, da hatte Elisabeth eine ganz wunderbare Idee, die es verdient nachgemacht zu werden. Ich habe auch schon Steine ausgelegt, hier bei uns rundum den See und bei meinem nächsten Spaziergang waren sie gefunden worden und das hatte mir jedes Mal einen kleinen Freudenhüpfer im Herzen beschert - vielleicht sollte ich mal wieder. Da kommt mir eine Idee, am 21.3. werde ich einen Stein für Lore auslegen und vielleicht wandert er ja um die Welt (durch den Ort). Danke, für die schöne Geschichte.
    Liebe Grüße
    Regina

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