Montag, 16. Februar 2026

Die roten Handschuhe (Rosenmontag)

Es war Rosenmontag, kurz nach 11:11 Uhr. In der Kölner Altstadt herrschte der Ausnahmezustand. Mitten im bunten Treiben stand Jan, der durch seinen Freund Mark zu diesem Tag eingeladen – oder sagen wir besser: überredet - worden war.

Zuvor hatte sich Jan in einem Kostümverleih ein Astronautenkostüm ausgeliehen. Mark, sein Freund, lief als krumme Banane neben ihm her.

Und dann, mitten in all dem Gewühl geschah, was nicht hätte passieren sollen: Jan verlor einen seiner schicken silbernen Astronautenhandschuhe. Er war einfach unauffindbar - vermutlich war er irgendwo zwischen den tausenden von Jecken verloren gegangen, die gerade lautstark nach „Kamelle“ riefen.

Jans Stimmung ging Richtung Nullpunkt. Er stand etwas bedröppelt neben seinem Freund, der sich mit einem Becher Kölsch in der Hand schunkelnd und singend wenig um Jan und seine schlechte Stimmung kümmerte.

Jan wurde klar: er hätte nicht zustimmen sollen. Er war einfach nicht der Typ für derartige Veranstaltungen und jetzt würde er zusätzlich zu der horrend hohen Kaution für das Kostüm auch noch für den fehlenden Handschuh zahlen müssen.

Immer wieder richtete er seinen Blick auf den Boden, doch außer zertretene Kamelle und leere Becher fand er nichts. Kein silberner Handschuh in Sicht. Sein Traum von einem fröhlichen Tag war nun endgültig geplatzt.

Im selben Moment stieß ihn eine rüstige Dame im schillernden Pailletten-Kleid mitleidig in die Seite: „Hör op ze jömere, Jong! Wä an Karneval op d’r Bode kigg, verpaß et Levve*)“, sagte sie in kölschem Dialekt. Währenddessen kramte sie in ihrem Beutel und drückte ihm ein Paar knallrote, handgestrickte Wollfäustlinge in die Hand. „Hier, die halten warm und vergiss nicht“, meinte sie in perfektem Hochdeutsch, „heute ist Rosenmontag und die Kaution ist morgen. Und übrigens: die gehören meiner Enkelin, aber die tanzt gerade irgendwo bei den Funkenmariechen. Nimm du sie – ein Astronaut mit roten Händen ist doch irgendwie … besonders!“

Die Geste rührte Jan und deshalb streifte er die roten Fäustlinge über. In dem Moment passierte es: Ein großer Prunkwagen der Blauen Funken rollte vorbei. Einer der Gardisten auf dem Wagen sah den Astronauten mit den auffällig roten Händen, lachte und zielte ganz genau. Ein riesiger Strauß Tulpen und eine Packung feinster Pralinen landeten direkt in Jans Armen.

Während die Menge um ihn herum jubelte, wusste Jan gar nicht, wie ihm geschah. Zeitgleich bahnte sich ein Tanzmariechen in einer blau-weißen Uniform den Weg direkt auf ihn zu. Auf dem Kopf trug sie einen Schiffchen-Hut, der die braunen wilden Locken darunter aber nicht zu bändigen vermochte. Sie nahm den Weg durch die Absperrung und steuerte zielsicher auf die glitzernde Diskokugel neben ihm zu.

„Oma! Da bist du ja!“, rief sie lachend und fiel der Frau mit dem Paillettenkleid schwungvoll um den Hals. Dabei fiel ihr Blick auf Jan und seine knallroten Handschuhe. „Moment mal ... das sind doch … meine, oder?“, fragte sie.

Jan sah auf die roten Fäustlinge, dann in das lachende Gesicht der Enkelin, die laut Namensschild an der Uniform Lara hieß. Im selben Moment verschwand aller Lärm um ihn herum. Er nahm nur noch diese besondere junge Frau wahr, die in dem Moment meinte: „Okay, ich leih sie dir. Aber komm heute Abend in die kleine Hinterhof-Party im Severinsviertel. Oma weiß, wo das ist. Dann kannst du sie mir zurückgeben. Okay? Jetzt muss ich aber schnell zurück!“ – Und schon war sie wieder verschwunden.

Am Abend tanzten die beiden gemeinsam zu den Liedern der Bläck Fööss, teilten sich eine Portion Reibekuchen und Jan stellte fest, dass es völlig egal war, wie hoch der Preis für den verlorenen Handschuh auch sein mochte - dieser Tag war für ihn unbezahlbar.

Was er in diesem Moment noch nicht wusste, war, dass drei Jahre später ein einzelner eingerahmter silberner Handschuh in der ersten gemeinsamen Wohnung einen Ehrenplatz erhalten würde und dass die roten Fäustlinge stets griffbereit im Flurschrank liegen würden.

 

*) „Hör auf zu jammern, Junge! Wer an Karneval auf den Boden guckt, verpasst das Leben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!



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