„Hi, Ma!“
„Hi, Josch!“
„Hast du Äpfel
mitgebracht?“
„Na klar doch,
deine Lieblingssorte, und schau“, Lena lenkte den Blick ihres Sohnes auf den
Adventskranz, den sie auf dem Heimweg vom Einkaufen noch schnell beim
Blumenhändler ergattert hatte, „den habe ich uns auch gekauft, weil ich in
diesem Jahr einfach keine Zeit gefunden habe, selbst einen zu binden.“
„Ach ja, stimmt,
morgen ist ja schon der 1. Advent …“.
„Ich habe noch was
mitgebracht. Es ist eine so schöne Tradition in Skandinavien. Als ich das Set
sah, musste ich es einfach kaufen.“
„Was soll das
sein?“
„Eine Wichteltür!
Du kennst keine Wichteltür? Na, da bin ich aber froh, dass ich sie gekauft habe
und sieh nur, diese kleine Leiter, den Mini-Briefkasten, einen Teppich und einen
Weihnachtsbaum samt Lichterkette. Ist das nicht einfach bezaubernd?“
Na ja, bezaubernd?!
Der Junge wollte seine Mutter nicht enttäuschen, aber was um alles in der Welt
sollte der Sinn hinter all dem sein? Wozu brauchte es eine Wichteltür?
Lena kannte ihren
Sohn nur zu gut und sah an seinem Gesichtsausdruck, dass er ihre Begeisterung
nicht teilte.
„Weißt du, in den
skandinavischen Ländern erzählt man sich, dass in der Adventszeit kleine
Wichtel, Elfen oder Feen diese Türen nutzen, um aus ihrer für uns unsichtbaren
Welt in die Welt der Menschen einzutreten, um ihnen Glück zu bringen.“
„Wär’s glaubt“,
entfuhr es Joschua und sofort tat es ihm leid. Er wollte die Euphorie seiner
Mutter keineswegs dämpfen.
„Ich finde, diese
Tür hat durchaus etwas Magisches und wenn dir die Fantasie fehlt, um dir
vorzustellen, wie ein Wichtel oder eine zauberhafte kleine Elfe nachts heimlich
und leise durch diese Tür in unser Haus tritt, habe ich wohl versäumt, dir die
Augen für die Welt der Fantasie zu öffnen.“
„Mama, ich bin
schon zu alt für so einen Quatsch!“
„Du bist gerade
mal 12 und willst mir erzählen, dass du zu alt bist, um dir vorzustellen, dass
es eine Welt der Wichtel, Elfen und Feen gibt? Vielleicht sind sie sogar echter
als so mancher Follower im Internet.“
Joschua verdrehte
kurz die Augen, aber so, dass es seine Mutter nicht sehen konnte, und außerdem
wurde er bald 13. Müsste seine Mutter eigentlich wissen.
„Ich dachte, wir
stellen das alles auf die Fußleiste in deinem Zimmer“, fuhr sie fort, „vorausgesetzt,
wir finden ein kleines Fleckchen, wo es möglich ist, diese winzigen Utensilien
aufzubauen.“
Bevor seine Mutter
auf die Idee kam, ihn darauf hinzuweisen, dass er sein Zimmer auch mal wieder
aufräumen könnte, schnappte er sich rasch einen Apfel aus der Obstschale,
drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Küche, um in seinem sicheren
Reich zu verschwinden.
„Meinetwegen“ murmelte
er noch – und als seine Mutter ihn nicht mehr hören konnte, fügte er hinzu:
„Wenn’s dich glücklich macht!“
Fortsetzung folgt
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