Samstag, 19. September 2026

Ab in den Süden

Als ich vor ein paar Tagen auf dem Balkon saß und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genoss, sah ich hoch zum Himmel und beobachtete für eine Weile ein paar Schwalben. Unweigerlich dachte ich darüber nach, dass sie sich schon bald wieder sammeln werden, um Richtung Süden zu fliegen. – Im selben Moment tauchte aber auch der Gedanke auf, dass die Reisevorbereitungen bei uns Menschen komplett anders aussehen. Ja und ich weiß auch nicht genau, wie es passieren konnte, aber irgendwie habe ich da in meinem Kopf wohl etwas durcheinandergebracht. 😉 Aber lest selbst. Viel Freude dabei!

  

Es war ein goldener Septembermorgen, als im Nest von Familie Schwalbe das reinste Chaos herrschte. Wie in jedem Jahr, so stand auch in diesem die alljährliche große Reise nach Afrika bevor.

Papa Schwalbe stand mit einer viel zu kleinen Lesebrille auf dem Schnabel mitten im Nest. In den Flügeln hielt er eine Checkliste.

„Anni! Moritz! Habt ihr eure Pässe?“, rief er in diesem Moment mit lauter Stimme. „Und wer, um Himmels willen, hat den großen, roten Rollkoffer versteckt?“

Aus dem Nebenraum ertönte das genervte Seufzen von Anni, seiner Tochter. Sie schob ihre winzige Sonnenbrille hoch und antwortete: „Papa, chill mal. Der Koffer steht bestimmt im Keller hinter den alten Spinnweben. Und übrigens: ich fliege sowieso nur mit Handgepäck!“

Mutter Schwalbe, die Ruhe in Person, schwebte mit einer riesigen Tube ‚Sonnencreme – Lichtschutzfaktor 50 für besonders empfindliches Gefieder‘ herbei. Sie wollte nicht, wie im letzten Jahr, einen Sonnenbrand auf den kostbaren Schwingen riskieren.

„Schatz, beruhige dich“, sagte sie lächelnd zu ihrem Mann und verfrachtete die Tube sanft in den Koffer, den Moritz, ihr Sohn, gerade herbeigeschleift hatte. Moritz war der jüngste Spross und hatte bereits seine bunten Hawaii-Badeshorts über die Federn gezogen. „Wir haben noch reichlich Zeit“, meinte Mama dann, „der Abflug am großen Strommast ist erst für 14:00 Uhr angesetzt.“

„Reichlich Zeit?“, rief Papa Schwalbe empört aus und tippte hektisch auf seine Armbanduhr. „Die Thermik wartet nicht auf uns, meine Lieben! Wenn wir den Aufwind um zwei Uhr verpassen, stehen wir vor den Alpen im Stau. Und ich möchte nicht, dass hinter uns wieder die Störche drängeln, weil es nicht zügig voran geht.“

Nun ging das große Packen erst richtig los. Mama Schwalbe ging im Kopf nochmal die Verpflegung durch: „Ich habe Mücken-Sandwiches für unterwegs eingepackt und eine Thermoskanne mit Fruchtsaft. Auf den Rastplätzen im Süden sind die Preise im Herbst immer völlig überzogen.“

Moritz versuchte verzweifelt, seine Taucherbrille und eine aufblasbare Luftmatratze in den Koffer zu quetschen und Anni musste noch schnell die Playlist mit ihren Lieblingsliedern speichern, weil sie über der Sahara bestimmt keinen Empfang hatte.

Um kurz vor eins war es endlich geschafft. Der rote Koffer war so vollgepackt, dass Papa Schwalbe sich mit seinem gesamten Körpergewicht darauf werfen musste, damit Mama Schwalbe den Reißverschluss zuziehen konnte. Rrrrrt – geschafft!

Sie schlossen die Haustür ihres Nestes ab, hängten ein kleines Schild mit der Aufschrift ‚Sind im Urlaub – Bitte keine Werbung einwerfen‘ davor und machten sich auf den Weg zum großen Treffpunkt am Strommast.

Dort angekommen war die Stimmung phänomenal. Hunderte von Schwalben standen in langen Schlangen an und berieten über die beste Flugroute.

Der Reiseleiter rief durch ein Megafon: „Flug 2026 nach Mallorca und weiterführend nach Afrika, bitte bereitmachen zum Boarding!“

Papa Schwalbe atmete tief ein. Der Stress des Packens war wie weggeblasen. Er blickte seine Familie fröhlich an. Moritz trug stolz seine Badeshorts, Anni summte gut gelaunt ein Lied, und seine Frau hielt liebevoll seinen Flügel.

„Bereit für den Sommerurlaub, Familie?“, fragte er mit einem breiten Grinsen.

„Bereit!“, riefen alle im Chor.

Der Reiseleiter gab das Signal und der riesige Schwarm erhob sich Synchron und mit einem jubelnden Tschilpen in den strahlend blauen Himmel. Die Koffer fest im Griff, die Sonnencreme im Gepäck und das pure Glück im Herzen flogen sie gemeinsam der Sonne entgegen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


3 Kommentare:

  1. Wie wunderschön zu lesen. Danke für die tolle Geschichte. Ein Lächeln am Morgen beim Lesen für mich - wie kann der Tag schöner Beginnen.
    Dir sonnige Grüße und ein fröhliches Tschilipp
    Petra

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    1. Wie schön, dass du dich gemeldet hast, liebe Petra!
      Ich freue mich, dass ich dir den Morgen mit meiner kleinen Geschichte ein wenig versüßt habe.
      Liebe Grüße!
      Martina

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  2. Liebe Martina, was für eine schöne und lustige Geschichte. Gern würde man die Schwalben begleiten - ich würde auch gar nicht viel einpacken!
    Herzliche Grüße
    Regina

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