Donnerstag, 21. Mai 2026

Ein Waldspaziergang

Vor ein paar Tagen las ich bei Regina Meyer zu Verl eine Geschichte (ich verlinke sie dir HIER), durch die ich an einen Aufsatz erinnert wurde, den ich als Schulkind schreiben sollte. Sein Titel ‚Ein Waldspaziergang‘. – Mir fiel damals wenig – bis gar nichts 😉 - dazu ein und ich schrieb als Kommentar unter Reginas Blogbeitrag: Ich glaube, ich hole die Geschichte, jetzt als Erwachsene, nach und veröffentliche sie in meinem Blog. Und so soll es nun sein.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Ich verließ den harten Asphalt des Parkplatzes und mit jedem Schritt tiefer in den Wald hinein hatte ich das Gefühl, als ginge ich über eine dicke, weiche Matratze aus Moos. Das Rauschen der Autos der nahegelegenen Straße verebbte, bis mich nur noch die Stille des Waldes umgab, in der ich die Hektik des Alltags zurücklassen konnte.

Schon nach wenigen Metern veränderte sich die Luft. Sie war kühl, feucht und es roch nach Tannennadeln. Es war mir, als puste der Geruch sofort meinen Kopf frei. Ich setzte meinen Weg, der gesäumt war von Buchen und Fichten fort.

Plötzlich knackte es rechts von mir im Unterholz. Ich hielt den Atem an und verharrte mitten in der Bewegung, als ich die feuchte, schwarze Nase eines Rehs wahrnahm. Große, dunkle Knopfaugen blickten mich sekundenlang an. In diesem flüchtigen Augenblick schien die Zeit stillzustehen und zwei unterschiedliche Welten aufeinanderzutreffen. Dann, mit einem eleganten Satz, verschwand das Tier lautlos im Schatten der Bäume, so, als sei es nie dagewesen.

Ich folgte einem schmalen, von Wurzeln durchzogenen Pfad. Dort lag ein riesiger, umgestürzter Eichenstamm, der über und über mit weichem Moos bewachsen war. Er wirkte wie ein schlafender, grüner Riese auf mich. Ich setzte mich auf das morsche Holz und lauschte dem Wind, der über mir in den Baumkronen flüsterte. Das Knarren der Äste klang dabei wie eine alte, vergessene Sprache. Ein winziger, glänzend blauer Mistkäfer bahnte sich unbeirrt seinen Weg über meine Schuhspitze.

Nach einer Weile setzte ich meinen Weg fort. Ein paar Meter abseits des Hauptweges fiel mein Blick auf eine besonders bizarre Baumwurzel. Sie wand sich wie eine schlafende Schlange über den Boden. Für einen kurzen Moment legte ich meine Hand auf die raue Rinde des Baumes und es war mir, als könne ich seinen Herzschlag vernehmen. – Es war mir, als würde der Baum, wie ich, tief und langsam atmen.

Ich ging immer tiefer in den Wald hinein, bis ich eine kleine Lichtung erreichte. Auf einem moosbedeckten Findling neben mir krabbelte ein prachtvoller Käfer, dessen Panzer im Sonnenlicht wie ein Edelstein schimmerte. Der Stein selbst wirkte auf mich wie ein Altar, den jemand dort mitten in dieser Wildnis platziert hatte.

Ich hielt für einen Wimpernschlag lag den Atem an, um diesen besonderen Moment nicht zu zerstören. Doch als sich der Käfer erhob und meinen Augen entschwand, machte auch ich mich auf den Rückweg. Meine Füße waren müde, aber mein Geist war hellwach und ich fühlte einen tiefen Frieden in mir. Der Wald hatte mir keine großen Geheimnisse verraten, und doch fühlte ich mich, als hätte ich für eine Stunde die Grenze in eine andere, magische Welt überschritten, in der eine besondere Art der Stille herrscht, die aber nicht leer ist, sondern sehr lebendig.

Als ich wieder am Parkplatz eintraf, waren meine Schuhe zwar schmutzig, aber mein Kopf war wieder frei und so nahm ich ein kleines Stück der Magie des Waldes mit hinein in meine Realität – mit hinein in meinen Alltag.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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