Der Frühling war mit voller Wucht eingezogen und auch die alte Eiche auf dem kleinen Hügel trug ein wunderschönes zartgrünes neues Blütenkleid. Um sie herum summte und wuselte es, doch tief in den Wurzeln des Baumes lag eine sanfte Melancholie.
Die Eiche beobachtete in diesem Moment die
Eichhörnchenmutter, die emsig weiches Moos sammelte und es hoch in ihren Kobel
schleppte, während der Vater dort stolz Wache hielt.
In der Höhle weiter oben betrachtete die Eule
voller Zärtlichkeit ihre Eier, und das Vogelpaar in der Krone der
Eiche stritt sich schon fast liebevoll um den besten Halm für ihr Nest.
„Jeder hier hat jemanden“, seufzte der Baum leise
in sich hinein. „Nur ich stehe hier, groß und mächtig zwar, aber am Ende doch
allein und ohne Nachwuchs.“
Die Eichhörnchenmutter hielt inne, als sie die leisen Worte vernommen hatte, und flitzte den Stamm wieder hinunter. „Aber liebster Baum“, rief sie und schmiegte sich liebevoll an seine Rinde, „schau doch bitte nicht so trübsinnig! Du bist doch das Zentrum von allem! Und du bietest uns und unserem Nachwuchs Schutz. Das ist sehr wertvoll für uns alle. DU bist sehr wertvoll für uns.“
„Stimmt genau“, krächzte die Eule im Halbschlaf. „Du bist für uns alle der Fels in der Brandung und du bist nicht allein. Du hast doch uns!“
Die Vögel stimmten ein freundliches Lied an, um die schweren Gedanken der Eiche
zu vertreiben, doch es wollte ihnen nicht so recht gelingen. Der Baum gönnte
seinen Bewohnern ihr Glück von ganzem Herzen, aber die Sehnsucht nach einem
eigenen kleinen Spross blieb bestehen.
In dem Moment vernahmen sie Schritte.
Ein Vater stapfte gemeinsam mit seinem Sohn den sanften Hügel hinauf. Der
Junge trug einen kurzen Stock in seinen Händen und entdeckte in jedem Käfer ein
kleines Wunder. Als sie bei dem Baum angekommen waren, setzten sie sich auf die
Bank in seinen Schatten.
„Papa, schau mal, wie riesig der ist!“, sagte der Junge und legte den Kopf in den Nacken, um hoch in die Krone schauen zu können. Dann begann er, den Baum genauer zu untersuchen. Vorsichtig strich er über seine Rinde und schaute, ob er das ein oder andere Tier in dem dichten Laub erspähen konnte. Anschließend ging er ein paar Meter abseits der Bank, um den Baum von dort aus zu betrachten. Doch plötzlich kniete er sich ins hohe Gras und rief: „Papa! Guck mal! Hier ist ein winziger Stock, der aus der Erde wächst. Aber da sind Blätter dran! Ganz kleine Eichenblätter!“
Der Vater kam herüber und lächelte. „Das ist kein Stock, Timm. Das ist ein Baby-Baum. Eine Eichel von der großen alten Dame muss im Herbst genau hier in die Erde gefallen sein und Wurzeln geschlagen haben. Wie schön, dass der kleine Kerl den Winter überlebt hat. Schau nur, jetzt reckt er mutig seinen ersten Ast dem Licht entgegen.“
Der Junge staunte und fragte. „Dann ist das also das Kind von dem großen Baum
dort?“
„Genauso ist es“, antwortete der Vater sanft. „In hundert Jahren wird er bestimmt
genauso groß sein wie seine Mutter dort.“
In dem Moment erstarrte der Baum, doch bald
darauf lief eine Welle puren Glücks durch seinen Stamm. Ein Kind? Sein Kind? Dort
unten wuchs ein Teil von ihm und er hatte es nicht einmal bemerkt. Ein Schauer
der Freude lief durch jeden Ast bis in die kleinste Blattspitze. Dann streckte
die Eiche ihre Zweige noch ein bisschen weiter aus, so, als wolle sie den
kleinen Schössling vor zu viel Wind schützen.
„Habt ihr das gehört?“, rief der Baum seinen
Bewohnern voller Freude zu.
Die Eichhörnchen sprangen vor Begeisterung im Kreis und die Vögel flogen eine
Ehrenrunde um den Winzling im Gras. Nun war auch für die Eiche die Einsamkeit
wie weggeblasen. Nun fühlte sich der Baum nicht mehr nur wie ein Beobachter des
Lebens – er war das Leben selbst.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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