Wir kennen die Geschichte: Jesus teilt am Gründonnerstagabend zum letzten Mal das Mahl mit seinen Jüngern.
Stellen wir es uns vor: Es ist ein stiller Abend.
In der Luft hängt der Duft von Gewürzen. Im Raum brennen die Öllampen, während
dreizehn Männer um einen Tisch sitzen. – Es ist das ‚Letzte Abendmahl‘, ein
Moment, der die Zeit in ein Vorher und ein Nachher einteilen wird.
Jesus bricht das Brot. Ob in diesem Moment für
ihn eine gewisse Melancholie mitschwang, weil er wusste, was die anderen
vielleicht ahnten: Dass es das letzte Mal sein würde, dass sie so
zusammenkommen würden? Das letzte Mal, dass sie den Wein gemeinsam tranken. Das
letzte Mal, dass er seinen Freunden in die Augen blicken konnte – und sie ihm.
Wenn wir uns bewusstwerden, dass jeder Moment ein
letztes Mal in sich birgt, sollte uns das nicht eine gewisse Schwere bereiten,
sondern uns ermuntern, achtsamer zu werden und zu sein.
Stell dir vor, du verabschiedest dich morgens an
der Tür. Ein flüchtiger Kuss, ein gemurmeltes ‚Bis später‘. Du weißt nicht, ob
es das letzte Mal ist und ob du später den Schlüssel im Schloss drehen hören
wirst, wenn der geliebte Mensch zurückkehrt. Vielleicht sollten wir dieses ‚bis
später‘ in ein achtsames ‚Pass gut auf dich auf‘ oder in ein ‚Ich liebe dich‘ verändern.
– Wir sollten Herzlichkeit und liebevolle Worte nicht auf ‚Irgendwann‘
verschieben, sondern sie in jedem Moment aussprechen, denn es könnte …
… das letzte Mal sein, dass ein Kind dich bittet,
es hochzuheben
… das letzte Mal sein, dass du mit deinen Eltern
über belanglose Dinge lachst
… das letzte Mal sein, dass du schmerzfrei durch
den Wald gehst.
Das letzte Mal ist ein unsichtbarer täglicher
Begleiter unseres Lebens. Ein leiser Gast, den wir oft ignorieren, weil seine
Gegenwart uns ängstigt.
Ist es nicht so, dass uns die Weisheit des
letzten Mahls lehrt, dass wir keine Angst vor dem – oder einem – Ende haben
müssen oder sollen, sondern dass es darum geht, uns der ‚Heiligkeit des
Augenblicks‘ bewusst zu sein?
Wenn wir wüssten, dass das Gespräch, das wir
gerade führen, unser letztes mit dieser Person ist – würden wir dann wirklich
über das Wetter klagen oder alte Vorwürfe aufwärmen? Oder würden wir jedes Wort
wie ein kostbares Juwel wiegen?
Die Achtsamkeit oder das Bewusstsein des ‚letzten
Mals‘ hilft uns, das Unwichtige vom Wesentlichen zu unterscheiden. Wenn wir
begreifen, dass jeder Moment das Potenzial hat, ein Finale zu sein, verwandelt
sich Routine. Das Brot schmeckt intensiver, die Umarmung wird fester, das
Zuhören tiefer.
Ich denke, wir sollten nicht mit Furcht auf das -
oder ein - Ende blicken, sondern mit einer gewissen Wachsamkeit und Achtsamkeit
– dem Moment gegenüber.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
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