Es war sehr früh am Morgen, fast noch Nacht, als auf einem großen bunten Teller mitten auf dem Tisch die letzten 3 Spekulatius des vergangenen Weihnachtsfestes ihr Dasein fristeten.
Fast alle anderen
Kekse wurden an den Festtagen von vielen Naschkatzen verschlungen. Doch diese drei
besonderen Spekulatiusfiguren waren auf dem Keksteller übriggeblieben: eine
Mühle, ein Elefant und ein Schiff.
Die Mühle reckte
stolz ihre Flügel in die Höhe, der Elefant schwang seinen Rüssel und das Schiff
schien bereit, jeden Moment in See zu stechen, als ein leiser Windhauch durch
das Fenster strich und sie näher aneinanderrückte.
„Na, ihr beiden“,
begann die Mühle, „wie fühlt ihr euch so nach dem Fest?“
„Ein bisschen
einsam vielleicht“, antwortete der Elefant, „weil ich der letzte meiner Art auf
dem Teller bin. Daher bin ich froh, euch hier zu sehen.“
Das Schiff
schaukelte leicht, als es fragte: „Was meint ihr, wollen wir uns Geschichten
erzählen? Wir könnten uns erzählen, warum wir so aussehen, wie wir aussehen!“
Das war eine
großartige Idee und so räusperte sich die Mühle und sprach: „Ich bin die
Mühlen-Spekulatiusfigur. In alten Zeiten waren Mühlen ein Zeichen für Reichtum
und Wohlstand. Besonders in Belgien und den Niederlanden, wo Spekulatius
besonders beliebt sind, standen Mühlen überall in der Landschaft. Deshalb sieht
man mich so oft auf dem Spekulatius! Ich erinnere an die fleißigen Müller, die
das Mehl für unsere Kekse mahlten. Ohne Mühlen gäbe es kein Mehl – und ohne
Mehl keine Spekulatius.“
Der Elefant
bewegte stolz seine großen Ohren. „Und ich, ich bin der exotische Vertreter der
Spekulatius! Meine Form erinnert an die Gewürze, die von weit hergeholt werden
müssen: Zimt, Nelken und Muskat zum Beispiel. Und ich wurde gewählt, weil ich
Kraft und Weisheit symbolisiere“, verriet er voller Stolz.
„Das stimmt“, meinte
das Schiff bestätigend, „aber ohne mich wären die Gewürze niemals hier
angekommen!“ Danach fuhr es fort: „Und ich bin das Symbol für Abenteuer und
Entdeckungen. Die großen Segelschiffe brachten die wertvollen Gewürze aus
Indien, Indonesien und Afrika nach Europa. Ohne die Schiffe hätte es keine
Spekulatius gegeben, denn der besondere Geschmack kommt erst durch Zimt,
Kardamom und Anis. - Mein Anker steht übrigens für Hoffnung und meine Segel für
Neugier und Weite. Und so bin ich auf vielen Spekulatius zu sehen und erinnere
daran, dass die Zutaten eine weite Reise hinter sich haben.“
Da meldete sich
plötzlich eine leise Stimme vom Rand des Tellers. Es war ein kleiner
Spekulatiuskrümel, der den drei Formen aufmerksam zugehört hatte. Seine ehemalige Form war zwar nicht mehr erkennbar, doch der Krümel steckte voller Wissen, weshalb er die anderen fragte: „Wisst
ihr denn auch, warum wir Spekulatius heißen?“
Die Mühle, der
Elefant und das Schiff schüttelten den Kopf.
„Unser Name kommt
vermutlich vom lateinischen Wort ‘speculum’ und bedeutet Spiegel. Früher wurden die Teige in hölzerne
Formen gedrückt, die wie ein Spiegelbild aussahen. Manche sagen aber auch, es
kommt von ‘speculatio’, was so viel wie Überlegungen oder Betrachtungen
bedeutet und ich finde, dass man beim Betrachten unserer Muster ins Träumen
gerät. Uns Spekulatius gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Und sagt
ehrlich: Weihnachten ohne uns ist einfach unvorstellbar.“
Da stimmten die
drei anderen Figuren voller Stolz zu.
Gleichzeitig
spürten sie, dass ihre Zeit auf dem Teller bald vorbei sein würde. Doch das
machte ihnen keine Angst. „Wir sind zwar bald verschwunden, aber unsere
Geschichten leben in den Erinnerungen weiter“, sagte die Mühle.
Der Elefant
nickte. „Und jedes Jahr, wenn die ersten Spekulatius gebacken werden, beginnt
das Abenteuer von Neuem.“
Das Schiff
lächelte. „Vielleicht trifft man sich ja wieder auf einem weihnachtlichen
Teller, irgendwo auf der Welt.“
Und so lagen sie
noch ein Weilchen da, sprachen von alten Zeiten und neuen Abenteuern – bis die
ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen und ein kleines Mädchen kam, das
sich über die letzten, zauberhaften Spekulatius ganz besonders freute.
© Martina
Pfannenschmidt, 2025
Was für eine schöne Geschichte, liebe Martina und so lehrreich ist sie! Vielen Dank fürs Erzählen, ich muss doch jetzt mal schauen, o ich auch noch irgendwie Spekulatius Kekse habe und dann werde ich mir eine schöne Tasse Kaffee dazu kochen und sie ganz bewusste genießen!
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Regina
... und zuhören, was sie dir erzählen mögen!! ;-)
LöschenDanke, liebe Regina - und lass dir deinen Kaffee schmecken!
LG Martina