Samstag, 27. Dezember 2025

Eine märchenhafte Spekulatius-Geschichte

Es war sehr früh am Morgen, fast noch Nacht, als auf einem großen bunten Teller mitten auf dem Tisch die letzten 3 Spekulatius des vergangenen Weihnachtsfestes ihr Dasein fristeten.

Fast alle anderen Kekse wurden an den Festtagen von vielen Naschkatzen verschlungen. Doch diese drei besonderen Spekulatiusfiguren waren auf dem Keksteller übriggeblieben: eine Mühle, ein Elefant und ein Schiff.

Die Mühle reckte stolz ihre Flügel in die Höhe, der Elefant schwang seinen Rüssel und das Schiff schien bereit, jeden Moment in See zu stechen, als ein leiser Windhauch durch das Fenster strich und sie näher aneinanderrückte.

„Na, ihr beiden“, begann die Mühle, „wie fühlt ihr euch so nach dem Fest?“

„Ein bisschen einsam vielleicht“, antwortete der Elefant, „weil ich der letzte meiner Art auf dem Teller bin. Daher bin ich froh, euch hier zu sehen.“

Das Schiff schaukelte leicht, als es fragte: „Was meint ihr, wollen wir uns Geschichten erzählen? Wir könnten uns erzählen, warum wir so aussehen, wie wir aussehen!“

Das war eine großartige Idee und so räusperte sich die Mühle und sprach: „Ich bin die Mühlen-Spekulatiusfigur. In alten Zeiten waren Mühlen ein Zeichen für Reichtum und Wohlstand. Besonders in Belgien und den Niederlanden, wo Spekulatius besonders beliebt sind, standen Mühlen überall in der Landschaft. Deshalb sieht man mich so oft auf dem Spekulatius! Ich erinnere an die fleißigen Müller, die das Mehl für unsere Kekse mahlten. Ohne Mühlen gäbe es kein Mehl – und ohne Mehl keine Spekulatius.“

Der Elefant bewegte stolz seine großen Ohren. „Und ich, ich bin der exotische Vertreter der Spekulatius! Meine Form erinnert an die Gewürze, die von weit hergeholt werden müssen: Zimt, Nelken und Muskat zum Beispiel. Und ich wurde gewählt, weil ich Kraft und Weisheit symbolisiere“, verriet er voller Stolz.

„Das stimmt“, meinte das Schiff bestätigend, „aber ohne mich wären die Gewürze niemals hier angekommen!“ Danach fuhr es fort: „Und ich bin das Symbol für Abenteuer und Entdeckungen. Die großen Segelschiffe brachten die wertvollen Gewürze aus Indien, Indonesien und Afrika nach Europa. Ohne die Schiffe hätte es keine Spekulatius gegeben, denn der besondere Geschmack kommt erst durch Zimt, Kardamom und Anis. - Mein Anker steht übrigens für Hoffnung und meine Segel für Neugier und Weite. Und so bin ich auf vielen Spekulatius zu sehen und erinnere daran, dass die Zutaten eine weite Reise hinter sich haben.“

Da meldete sich plötzlich eine leise Stimme vom Rand des Tellers. Es war ein kleiner Spekulatiuskrümel, der den drei Formen aufmerksam zugehört hatte. Seine ehemalige Form war zwar nicht mehr erkennbar, doch der Krümel steckte voller Wissen, weshalb er die anderen fragte: „Wisst ihr denn auch, warum wir Spekulatius heißen?“

Die Mühle, der Elefant und das Schiff schüttelten den Kopf.

„Unser Name kommt vermutlich vom lateinischen Wort ‘speculum’ und bedeutet  Spiegel. Früher wurden die Teige in hölzerne Formen gedrückt, die wie ein Spiegelbild aussahen. Manche sagen aber auch, es kommt von ‘speculatio’, was so viel wie Überlegungen oder Betrachtungen bedeutet und ich finde, dass man beim Betrachten unserer Muster ins Träumen gerät. Uns Spekulatius gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Und sagt ehrlich: Weihnachten ohne uns ist einfach unvorstellbar.“

Da stimmten die drei anderen Figuren voller Stolz zu.

Gleichzeitig spürten sie, dass ihre Zeit auf dem Teller bald vorbei sein würde. Doch das machte ihnen keine Angst. „Wir sind zwar bald verschwunden, aber unsere Geschichten leben in den Erinnerungen weiter“, sagte die Mühle.

Der Elefant nickte. „Und jedes Jahr, wenn die ersten Spekulatius gebacken werden, beginnt das Abenteuer von Neuem.“

Das Schiff lächelte. „Vielleicht trifft man sich ja wieder auf einem weihnachtlichen Teller, irgendwo auf der Welt.“

Und so lagen sie noch ein Weilchen da, sprachen von alten Zeiten und neuen Abenteuern – bis die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen und ein kleines Mädchen kam, das sich über die letzten, zauberhaften Spekulatius ganz besonders freute.

© Martina Pfannenschmidt, 2025



2 Kommentare:

  1. Was für eine schöne Geschichte, liebe Martina und so lehrreich ist sie! Vielen Dank fürs Erzählen, ich muss doch jetzt mal schauen, o ich auch noch irgendwie Spekulatius Kekse habe und dann werde ich mir eine schöne Tasse Kaffee dazu kochen und sie ganz bewusste genießen!
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. ... und zuhören, was sie dir erzählen mögen!! ;-)
      Danke, liebe Regina - und lass dir deinen Kaffee schmecken!
      LG Martina

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