Dienstag, 15. September 2020

Eine Schatztruhe voller Erinnerungen

 

Das waren diesmal unsere Reizwörter:

Herbstwind, Kuscheldecke, trinken, basteln, bunt

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen':

Lore und Regina


Heimlich beobachtete Herbert, wie seine Lydia ihm gedankenverloren am Frühstückstisch gegenüber saß. Worüber sie wohl nachdachte?

„10 Euro für deine Gedanken!“, sagte er schmunzelnd.

Lydia schaute auf und schmunzelte ebenso, als sie entgegnete: „Ich verrate es dir auch so. Weißt du, ich dachte gerade darüber nach, dass der Herbst naht, auch wenn das Wetter in dieser Woche noch sehr sommerlich ist. Dennoch wird es nicht mehr lange dauern, dann wird der raue Herbstwind um die Häuser ziehen und die bunten Blätter von den Bäumen wehen.“

„Ja, so ist das wohl und du wirst es nicht verhindern können“, meinte Herbert scherzhaft.

„Ich mag sie ja eigentlich, diese Jahreszeit.“

„Ja genau, eigentlich magst du sie, weil du gerne mit den Enkelkindern Kastanientiere bastelst und dabei heißen Tee trinkst.“

„Und“, ergänzte Lydia, „ich mag sie auch, weil ich abends gerne mit dir, einem Glas Rotwein und einer Kuscheldecke bei Kerzenlicht im Wohnzimmer auf dem Sofa sitze.“

Herbert nickte zustimmend.

„Ich weiß gar nicht, warum manche Menschen im Herbst trübsinnig werden“, meinte er nach einiger Zeit.

„Es freut sich eben nicht jeder darüber, wenn die Tage wieder kälter und dunkler werden. Für viele bedeutet das vielleicht auch noch mehr einsame Stunden.“

„Das mag stimmen“, erwiderte Herbert, „aber mal ehrlich, wir sollten es einfach der Natur gleich tun und uns den Gegebenheiten anpassen. Ich habe jedenfalls noch von keinem Baum gehört, der darüber jammerte, dass er sich im Herbst von seinen Blättern  verabschieden muss.“

Bei diesen Worten griff er nach seinem Handy: „Weißt du was, Lydia, bevor wir beide hier noch melancholisch werden, frage ich mal unsere Tochter, ob sie heute Nachmittag zuhause ist. Dann können wir vielleicht mit den beiden Jungs etwas unternehmen.“

„Es sei denn“, gab Lydia zu bedenken, „sie haben sich schon mit Freunden verabredet.

„Das lässt sich ja herausfinden.“

Schon tippte Herbert auf seinem Handy herum und es dauerte gar nicht lange, da erhielt er eine Antwort: „Sind zuhause. Backe schnell noch einen Pflaumenkuchen. Wir freuen uns, wenn ihr uns besucht!“

Hinter den Zeilen prangte es dickes rotes Herz.

„Wir können kommen!“, freute sich Herbert. „Es gibt sogar Pflaumenkuchen.“

„Wie schön!“

Nachdem Herbert mit seinen Enkelsöhnen eine Runde Fußball gespielt hatte, hatte er sich den Kaffee und ein Stückchen Pflaumenkuchen mit Sahne mehr als redlich verdient.

Die Kinder bekamen zur Feier des Tages eine Cola, was Opa Herbert veranlasste, ihnen zu erzählen, wie das früher war, als er noch Kind war: „Also Cola, die gab es bei uns nicht“, gab er zum Besten. „Bei uns zu Hause gab es im Sommer immer selbstgemachten Saft aus Beeren, die in unserem Garten wuchsen. Er war sehr süß, weil meine Mutter ihn zur besseren Haltbarkeit mit viel Zucker eingekocht hatte. Der Saft wurde mit Wasser verdünnt und schmeckte hervorragend.“

„Cola ist aber auch nicht schlecht“, warf Niklas, der Ältere der beiden Brüder, ein.

„Willst du den Kindern nicht mal erzählen, wie das früher im Sommer war?“, erkundigte sich Lydia.

„Das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen“, wandte Herbert sich daraufhin an seine Enkel, „früher mussten alle mit anpacken. Auch die Kinder. Die Gaben wurden mit den Händen zusammen gebunden und alle arbeiteten stundenlang auf dem Acker in der prallen Sonne.“

„Deshalb hat eure Uroma mir auch geraten“, verriet nun Lydia, „keinen Bauern zu heiraten, weil die Arbeit auf einem Bauernhof doch wirklich mühsam war.“

„Na, das hat ja geklappt“, lachte Herbert verschmitzt, „schließlich hast du ja einen Mann aus einer Kleinstadt bekommen.“

„Genau! Ich hab mir einen gesucht, der auch mal Zeit hatte, mit mir in die Badeanstalt zu gehen. So hieß ein Freibad nämlich früher“, warf sie für ihre Enkel erklärend ein.

„Wisst ihr“, fiel Opa Herbert ein, „damals war es für Mädchen verpönt, ärmellose T-Shirts oder Hosen zu tragen.“

„Erinnere mich bloß nicht daran“, sagte Oma mit einer abweisenden Handbewegung und an die Enkel gerichtet, fuhr sie fort: „Man trug als Mädchen Knie bedeckte Röcke und Blusen mit Puffärmeln. Das war damals nämlich modern.“

„Wenn ich mich an die Sommer meiner Kindheit zurück erinnere“, kam Herbert in den Sinn, „dann gab es keine so extremen Temperaturschwankungen, wie gegenwärtig. Das Wetter war beständiger, als heute. Im Sommer war es zwar mitunter auch recht heiß, aber ich glaube, Temperaturen über 30° hatten wir früher eher nicht.

Wir gingen übrigens, als ich ein kleiner Bub war, nicht in die Badeanstalt, sondern wir schwammen im nahe gelegenen Fluss. An jedem Samstag bekamen wir von unserer Mutter ein Stückchen Seife in die Hand gedrückt, um uns dort ausgiebig zu waschen. Dann hatte sie die ganze Planscherei nämlich nicht zu Hause“.

„Und ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich als Kinder zu Oma und Opa aufs Land fahren durften“, erzählte Lydia. „Für uns als Stadtkinder war das eine schöne Zeit voller Erlebnisse. Weil wir kein Auto hatten, brachten meine Eltern uns zu Fuß zum Zug und Papa schleppte sich mit unserem schweren braunen Lederkoffer ab, der mit einem Lederriemen versehen war. Und kaum saßen wir im Zug, bekamen wir schon Hunger. Doch unsere Mutter hatte vorgesorgt und so fanden wir in unseren Rucksäcken hartgekochte Eier, Brot mit Wurst und Käse und sogar Kartoffelsalat. In unsere Trinkflaschen hatte sie uns kalten Tee gefüllt. Es war einfach herrlich.

Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, wenn der Zug in den kleinen Bahnhof einfuhr und ich meine Oma sah. Neben ihr stand ein Bollerwagen, auf den sie den schweren Koffer hievte und ich weiß auch noch ganz genau, dass ich total müde war, aber überglücklich. Fast unvorstellbar: In jedem Jahr das gleiche Ziel, doch wir freuten uns immer wieder aufs Neue.“

Noch heute leuchteten Lydias Augen, während sie sich an diese Zeit erinnerte.

„Man kann es sich kaum mehr vorstellen, wie einfach wir alle gelebt haben, aber lassen wir jetzt mal diese alten Geschichten“, schlug Herbert vor. „Übrigens: Dein Pflaumenkuchen schmeckt hervorragend. Ob ich noch ein Stückchen bekommen könnte?“

Lydia wurde ganz warm ums Herz bei dem Gedanken, dass die Schatztruhe voller wertvoller Erinnerungen umso praller gefüllt ist, je älter man wird.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Kommentare:

  1. Du schreibst so lebendig, ich saß mittendrin und vor mir ein leckeres Stück Pflaumenkuchen mit einem großem Kleks Sahne und lauschte den Erinnerungen.
    Stimmt, je älter man wird um so mehr Erinnerungen sammeln sich an. Glücklich der, der auch viele schöne Erinnerungen hat.
    Etwas habe ich vermisst, es wurde gar nicht philosphiert. Übermütige Grüße aus Hinterdupfing

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    1. Nein, ich kann auch ohne! - Lach! - Ist es nicht oft so, dass gerade die schönen Erinnerungen im Gedächtnis bleiben? - Danke dir für Besuch und Kommentar!

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  2. Oh ja, eine schöne Schatztruhe, liebe Martina, von früher. Nimmt man die Gegenwart und das Stückchen Pflaumenkuchen, kommt viel neues in die Truhe hinzu. Alles gehört zur Vergangenheit und in Erinnerungen ob gut oder schlecht, wühle ich auch gern und sehe was ich für mein heutiges Leben so mitgenommen habe. Danke für diese schöne Geschichte,liebste Klärchen

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    1. Da hast du wohl recht, unser Leben besteht aus allem, was wir in der Vergangenheit erlebt haben - und das genau hat den Menschen aus uns gemacht, der wir heute sind. - Danke auch dir für den Besuch und den Kommentar!

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  3. Liebe Martina,

    wenn man es so sieht wie du hier in der Geschichte, dann ist das Älterwerden ja auf jeden Fall gut für den Inhalt unserer persönlichen Schatztruhe. Du hast eine tolle Geschichte draus gemacht!
    Herzliche Grüße
    REgina

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    1. In jedem Fall hat das Älter werden gute Seiten. Sonst bliebe unsere Schatztruhe ja leer. ;-) - Hab Dank für Besuch und Kommentar!

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  4. oh jaa..
    die Schatztruhe der Erinnerungen ..
    das hast du schön gesagt
    manches können sich die Kinder heute gar nicht mehr vorstellen
    aber was meine Oma manchmal erzählt hat war auch für mich schon eine andere Welt
    gut wenn man für Erinnerungen sorgt.. denn älter werden wir ganz von alleine ;)

    eine schöne Geschichte

    liebe Grüße
    Rosi

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    1. So ging es mir mit einer älteren Frau in unserer Nachbarschaft. Sie hatte selbst keine Kinder, aber wir Nachbarkinder waren ständig bei ihr zu Besuch. Sie konnte so herrlich von früher erzählen. - Ja und das früher war eben noch ein ganz anderes früher, als unseres. - Hab Dank für deinen Besuch und auch für den lieben Kommentar! Martina

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