Wie viele von euch wissen, lebe ich auf dem Land. Um mich herum gibt es viele Felder. Auf den meisten wachsen Getreide oder Mais. Doch hin und wieder gibt es auch ein Feld, auf dem man die Blätter der Kartoffeln sieht. - Und was ihr vielleicht noch nicht wusstet, nur geahnt habt: auch die Kartoffeln unter der Erde spüren das Leben und führen darüber Gespräche. Ja, ja ... ihr könnt es ruhig glauben. So ist es. 😉 Von einem solchen Gespräch erzählt euch die nächste Geschichte. Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!
Es war dunkel in der Erde, aber es herrschte Leben darin, denn unter den großen, grünen Blättern der Kartoffelpflanze, tief im weichen Boden, wuchs eine ganze Familie von Kartoffeln heran. Alle lagen sie dicht beieinander, tranken das Wasser, das der Regen ihnen spendete, und genossen ihr Sein. Wenn man ganz genau hinhörte, konnte man ihr feines Tuscheln hören, wenn sie miteinander redeten.
Knubbelia war die dickste Kartoffel der Familie. Sie hatte eine tiefe,
gewichtige Stimme und war fest davon überzeugt, dass sie nicht nur die Größte,
sondern auch die Klügste von allen sei.
„Wir Kartoffeln“, ließ sie die anderen in diesem Moment wissen, „sind die
Krone der Schöpfung. Gott hat uns den sichersten Ort der Welt geschenkt. Hier
unten gibt es keinen Sturm, keinen Hagel und keine gefräßigen Vögel. Wir leben
wie im Paradies, müssen uns nicht einmal bewegen, sondern einfach nur
stillsitzen und die Dunkelheit um uns herum genießen.“
Die anderen Kartoffeln nickten ehrfürchtig. Alle … bis auf eine.
Ganz am Rand, an einer dünnen Wurzel, hing Körnchen. Körnchen war winzig,
kaum größer als eine Murmel. Sie fiel im braunen Erdreich kaum auf, aber
Körnchen war klug und sehr feinfühlig. Während die anderen schliefen versuchte
sie, die feinen Vibrationen der Welt um sie herum wahrzunehmen. Und jetzt
gerade brannte eine Frage in ihr, die ihr keine Ruhe ließ.
„Knubbelia“, fragte Körnchen mit ihrer leisen, piepsigen Stimme, „warum
dürfen wir das Licht nicht sehen? Ich verstehe es nicht. Wenn Gott uns doch so
sehr liebt, wie du sagst, warum hält er uns dann hier unten versteckt? Ich ...
ich würde so gerne einmal das Licht sehen. Warum ist uns das verwehrt?“
Ein entsetztes Raunen ging durch die Reihen der Kartoffeln. Knubbelia war
empört. „Was für ein unerhörter Unsinn!“, schimpfte sie. „Weißt du denn nicht,
dass das Licht gefährlich ist?! Es macht uns grün und bitter. Es ist nicht für
uns bestimmt. Also sei lieber dankbar für die Dunkelheit, du Dummchen … und
mehr gibt es von meiner Seite dazu nicht zu sagen.“
Die harten Worte machten Körnchens kleines Herz noch schwerer. Sie verstand
es einfach nicht. Wenn die Welt doch so schön war, warum durfte sie dann nichts
davon mitbekommen? Warum war sie gefangen in ihrem tiefen Bett aus Dunkelheit?
Da bewegte sich plötzlich etwas hoch über ihnen und eine sanfte Stimme
durchdrang die Erde. Es waren die Blätter der Kartoffelpflanze, die oben im
Wind tanzten und dem Gespräch gelauscht hatten.
„Sei nicht traurig, kleines Körnchen“, flüsterten die Blätter.
Die kleine Kartoffel hielt den Atem an. „Wer spricht da?“
„Wir sind es, die grünen Blätter über dir. Wir sind deine Brüder und
Schwestern und wir wollen dir vom Licht erzählen. Also, liebes Körnchen, das
Licht ist das Schönste, was man sich vorstellen kann. Es kommt von weit her,
von einem goldenen Ball hoch oben am Himmel, den man Sonne nennt. Das Licht ist
warm und man kann seine Strahlen tanzen sehen. Am Morgen, wenn die Sonne
erwacht, ist ihr Licht warm und manchmal scheint es rosa. Am Mittag strahlt sie
wie pures Gold und abends, wenn sie wieder untergeht und es auch um uns herum
dunkel wird, taucht sie den Himmel, bevor dort die Sterne funkeln, in ein
tiefes Rot.“
Die Kartoffeln unten hielten den Atem an. Selbst Knubbelia lauschte mit
offenem Mund.
„Aber warum“, schluchzte Körnchen leise, „warum hat Gott mich dann hier
unten in die Finsternis gesetzt? Bin ich nicht gut genug für das Licht?“
„Nein, kleine Schwester, so ist es nicht“, raunten die Blätter, „Gott hat
dich nicht vor dem Licht versteckt. Er hat dich zu unserer Wurzel gemacht.
Weißt du, wir Blätter könnten ohne dich gar nicht leben. Jeden Tag fangen wir
die Sonnenstrahlen ein – auch für dich. Und durch unsere Stängel schicken wir es
hinab zu euch. Du lebst im Dunkeln, Körnchen, aber du wächst durch das Licht.“
In diesem Moment verstand Körnchen. Sie verstand, dass die Dunkelheit kein
Gefängnis war, sondern eine Wiege. Sie schloss ihre Augen und spürte plötzlich
den warmen Strom der Lebenskraft, den die Blätter ihr schickten. Sie fühlte
sich nicht mehr verstoßen. Sie war wichtig. Sie wurde gebraucht, um die ganze
Pflanze am Leben zu halten.
Und so vergingen die Wochen, und der Sommer neigte sich dem Ende zu. Die
Blätter oben wurden langsam gelb, und die Kartoffeln unten waren reif und rund.
Plötzlich, eines Morgens, begann die Erde zu beben und ein lautes Grollen
näherte sich und schob die schützende Decke, die über den Kartoffeln lag,
beiseite. Einige Karoffeln erschraken, als sie aus der Erde gehoben wurden, doch
Körnchen hatte keine Angst. Auf diesen Moment hatte sie schließlich lange
gewartet … und nun sah und spürte sie das Licht.
Da war kein Schmerz, nur eine unendliche, warme Umarmung. Das Sonnenlicht
des Spätsommers traf die kleine Kartoffel mitten ins Herz. Es war noch viel
schöner, als die Blätter es je hätten beschreiben können. Alles strahlte, alles
leuchtete. Körnchen lag oben auf der warmen, aufgebrochenen Erde. Neben ihr
blinzelte Knubbelia ganz erschrocken und still, überwältigt von der Pracht der
Welt.
Körnchen blickte lächelnd hinauf zum blauen Himmel. Sie hatte die
Dunkelheit überstanden, sie hatte ihre Aufgabe erfüllt, und nun durfte sie
heimkehren – mitten hinein in das Licht, das sie schon immer im Herzen getragen
hatte.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Liebe Martina,
AntwortenLöscheneine wunderbare Geschichte ist das wieder. Am meisten gefallen hat mir ein Satz darin:: Sie verstand, dass die Dunkelheit kein Gefängnis war, sondern eine Wiege.
Was für eine wunderbare Erkenntnis der kleinen Kartoffel und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn sie, als ihre Zeit gekommen war, ans Licht zu gelangen, als Herzkartöffelchen auf die Welt gekommen wäre.
Danke für diese schöne Geschichte!
Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag dir
Regina❤❤❤
Oh, du warst schon da??? Hab vielen Dank für deinen lieben Kommentar. - Schade, dass mir die Idee mit der Herzkartoffel nicht gekommen ist. - Aber wie wäre es denn, wenn du über sie eine Geschichte schreibst. ;-) - Hab einen wunderbaren und sonnigen Tag! Martina
Löschen