Als Daniel an diesem trüben Märztag an der Haltestelle stand, war die Welt um ihn herum grau und trist. Er starrte auf seine vom Regen nassen Schuhe, die dieses Grau widerzuspiegeln schienen.
Daniel ging einem Job in der Buchhaltung nach,
der ihm zwar ein sicheres Einkommen garantierte, aber freudlos war. Alles an
ihm war: Mittelmaß! Er fühlte sich dünnhäutig, blass und oft kurz vor dem
Zerreißen.
Heute war wieder so ein Tag, an dem er kurz vor
dem Zerreißen stand. Ein Fehler in der Jahresbilanz, harsche Worte seines Chefs
und das schlechte Essen in der Kantine lagen ihm schwer im Magen.
Obwohl er unter dem Glasdach der Haltestelle
stand, spürte er den kalten Wind, so dass er den Kragen seines Mantels
hochzog.
Für einen kurzen Moment glitt sein Blick dabei zur
Seite und er nahm in der Ecke der Haltestelle einen sonnengelben Schirm wahr. Dieses
Gelb wollte so gar nicht zu der Trostlosigkeit dieses Tages passen. Es wirkte
wie ein Stück Sommer – mitten im März.
Daniel sah sich um. Die Straße war menschenleer, bis auf ein paar Autos, die vorbeijagten. Niemand war weit
und breit zu sehen.
Er zögerte kurz, trat dann aber näher und nahm
den Schirm an sich. Wider Erwarten war der Griff noch warm und er wunderte sich
darüber, weil es den Anschein hatte, als hätte gerade eben jemand den Schirm
dort abgestellt.
Als er ihn näher betrachtete, bemerkte er einen
kleinen laminierten Zettel, auf dem in fein geschriebener Handschrift stand:
„Für dich, der du heute glaubst, dass die Welt nur aus Dunkelheit besteht. Nimm
mich gerne mit! Ich möchte für dich das Licht sein und dir sagen: Jemand sieht
dich!“
Ein Schauer lief Daniel über den Rücken. Es war
ihm, als habe gerade jemand eine Tür zu seinem Inneren aufgestoßen. Dieser
kleine Satz: „Jemand sieht dich!“, traf ihn mit voller Wucht. – In dieser Stadt
mit tausend anderen Menschen fühlte er sich oft ungesehen. Aber dieser Schirm …
dieser Schirm war nur für ihn gedacht.
Als der Bus quietschend hielt, stieg Daniel ein.
Er setzte sich ganz nach hinten und legte den Schirm auf seinen Schoß. Während
die Regentropfen draußen gegen die Scheiben trommelten, breitete sich eine
wundersame Wärme in ihm aus. Der graue Himmel, die harschen Worte seines Chefs,
das schlechte Essen – alles war plötzlich unbedeutend für ihn.
Dieser sonnengelbe Schirm veränderte etwas in
Daniel. Er sah plötzlich viel mehr Positives, hielt der Nachbarin die Tür auf
und lächelte die Kassiererin im Supermarkt an. Und plötzlich schien die ganze
Welt zurückzulächeln.
Eines Morgens, als der erste echte Sonnenstrahl
seit Tagen wieder durch sein Fenster fiel, wurde Daniel bewusst, dass es Zeit
wurde, den Schirm an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Er durfte für eine
weitere Person zu einem ‚Lichtbringer‘ werden.
Und so ging er wieder zur Haltestelle, stellte
den Schirm vorsichtig in die Ecke und wartete anschließend im Schatten eines
Hauseingangs, was geschehen würde.
Es dauerte nur ein paar Minuten, als er eine
ältere Dame wahrnahm, die direkt auf die Haltestelle zuging. Sie hinkte leicht
und die Sorgen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Als sie bei der Haltestelle
ankam, fiel ihr Blick sogleich auf den gelben Schirm. Sie zögerte kurz, nahm ihn
dann aber doch an sich und las, was auf dem Zettel stand – genauso, wie er es vor
ein paar Wochen getan hatte. Sogleich nahm Daniel eine Veränderung im Gesicht
und in der Haltung der Frau wahr und er selbst spürte eine tiefe Wärme in
seinem Herzen, denn dieser Schirm war gewiss von genau der richtigen Person
gefunden worden.
Daniel drehte sich um und ging mit dem Gefühl nach
Hause, für einen anderen Menschen ein Lichtbringer gewesen zu sein
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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