Sonntag, 15. März 2026

Der sonnengelbe Schirm

Als Daniel an diesem trüben Märztag an der Haltestelle stand, war die Welt um ihn herum grau und trist. Er starrte auf seine vom Regen nassen Schuhe, die dieses Grau widerzuspiegeln schienen.

Daniel ging einem Job in der Buchhaltung nach, der ihm zwar ein sicheres Einkommen garantierte, aber freudlos war. Alles an ihm war: Mittelmaß! Er fühlte sich dünnhäutig, blass und oft kurz vor dem Zerreißen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem er kurz vor dem Zerreißen stand. Ein Fehler in der Jahresbilanz, harsche Worte seines Chefs und das schlechte Essen in der Kantine lagen ihm schwer im Magen.

Obwohl er unter dem Glasdach der Haltestelle stand, spürte er den kalten Wind, so dass er den Kragen seines Mantels hochzog.

Für einen kurzen Moment glitt sein Blick dabei zur Seite und er nahm in der Ecke der Haltestelle einen sonnengelben Schirm wahr. Dieses Gelb wollte so gar nicht zu der Trostlosigkeit dieses Tages passen. Es wirkte wie ein Stück Sommer – mitten im März.

Daniel sah sich um. Die Straße war menschenleer, bis auf ein paar Autos, die vorbeijagten. Niemand war weit und breit zu sehen.

Er zögerte kurz, trat dann aber näher und nahm den Schirm an sich. Wider Erwarten war der Griff noch warm und er wunderte sich darüber, weil es den Anschein hatte, als hätte gerade eben jemand den Schirm dort abgestellt.

Als er ihn näher betrachtete, bemerkte er einen kleinen laminierten Zettel, auf dem in fein geschriebener Handschrift stand: „Für dich, der du heute glaubst, dass die Welt nur aus Dunkelheit besteht. Nimm mich gerne mit! Ich möchte für dich das Licht sein und dir sagen: Jemand sieht dich!“

Ein Schauer lief Daniel über den Rücken. Es war ihm, als habe gerade jemand eine Tür zu seinem Inneren aufgestoßen. Dieser kleine Satz: „Jemand sieht dich!“, traf ihn mit voller Wucht. – In dieser Stadt mit tausend anderen Menschen fühlte er sich oft ungesehen. Aber dieser Schirm … dieser Schirm war nur für ihn gedacht.

Als der Bus quietschend hielt, stieg Daniel ein. Er setzte sich ganz nach hinten und legte den Schirm auf seinen Schoß. Während die Regentropfen draußen gegen die Scheiben trommelten, breitete sich eine wundersame Wärme in ihm aus. Der graue Himmel, die harschen Worte seines Chefs, das schlechte Essen – alles war plötzlich unbedeutend für ihn.

Dieser sonnengelbe Schirm veränderte etwas in Daniel. Er sah plötzlich viel mehr Positives, hielt der Nachbarin die Tür auf und lächelte die Kassiererin im Supermarkt an. Und plötzlich schien die ganze Welt zurückzulächeln.

Eines Morgens, als der erste echte Sonnenstrahl seit Tagen wieder durch sein Fenster fiel, wurde Daniel bewusst, dass es Zeit wurde, den Schirm an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Er durfte für eine weitere Person zu einem ‚Lichtbringer‘ werden.

Und so ging er wieder zur Haltestelle, stellte den Schirm vorsichtig in die Ecke und wartete anschließend im Schatten eines Hauseingangs, was geschehen würde.

Es dauerte nur ein paar Minuten, als er eine ältere Dame wahrnahm, die direkt auf die Haltestelle zuging. Sie hinkte leicht und die Sorgen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Als sie bei der Haltestelle ankam, fiel ihr Blick sogleich auf den gelben Schirm. Sie zögerte kurz, nahm ihn dann aber doch an sich und las, was auf dem Zettel stand – genauso, wie er es vor ein paar Wochen getan hatte. Sogleich nahm Daniel eine Veränderung im Gesicht und in der Haltung der Frau wahr und er selbst spürte eine tiefe Wärme in seinem Herzen, denn dieser Schirm war gewiss von genau der richtigen Person gefunden worden.

Daniel drehte sich um und ging mit dem Gefühl nach Hause, für einen anderen Menschen ein Lichtbringer gewesen zu sein

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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