Es war einer
dieser Tage im Januar, an denen die Wolken schwer am Himmel
hingen und es draußen grau und diesig war.
Ben blickte in
diesem Moment neugierig auf den Obstkorb, der auf dem Schrank in der Küche
stand. „Oma, darf ich heute einen Apfel haben?“, fragte er. „Aber
schneide ihn bitte so, wie du es immer machst – mit den Zacken, die wie ein
Stern aussehen!“
Oma lächelte
und nahm den Apfel aus der Schale.
„Das mache ich
sehr gerne, denn weißt du, jeder Apfel ist etwas ganz Besonderes. Und wenn ich
die Zacken hineinschneide, dann erinnert mich das an meine Oma, die mir damals
erzählte, dass der König der Äpfel, also der Apfelkönig, stets eine Krone auf seinem Kopf
trägt, die exakt so aussieht, wie dieser Zackenstern. Der Apfelkönig, so
erzählte sie es mir, ist nämlich der Herrscher über alle Äpfel im Land der Früchte. Und der Stern zeigt, dass die
Menschen, die oft und gerne Äpfel essen, glücklicher und mutiger werden.“
„Echt? Dann
esse ich jeden Tag eine Mijon Äpfel. Dann werde ich genauso stark und mutig wie
Papa. Aber sag, kannst du mir noch mehr über den König mit dem Stern erzählen?“
„Na klar kann
ich das, schließlich habe ich meiner Oma stets aufmerksam zugehört, wenn sie
mir eine Geschichte erzählte. Also das ist so: Der Apfelkönig trägt seinen
Stern voller Stolz, denn er möchte damit alle Äpfel daran erinnern, dass sie
einzigartig sind. Die meisten Menschen schneiden die Äpfel in kleine Stückchen
…“
„… das macht
Mama auch immer“, rief Ben dazwischen.
„Genau! Aber
der Stern, den ich schneide, ist ein Gruß vom Apfelkönig persönlich. Er sagt
dir damit: ‚Hab keine Angst, sei neugierig, mutig und entdecke die Welt!‘“
Oma schnitt
vorsichtig die Zacken in den Apfel, so dass ein wunderschöner Stern entstand.
„Siehst du,
Ben, jetzt ist der Stern fertig. Und weißt du, was noch besonders ist? Im
Inneren des Apfels verstecken sich kleine Kerne. Du möchtest sie immer entfernt
haben, weil sie dir nicht schmecken. Aber diese Kerne sind die geheimen
Schatztruhen des Apfelkönigs. In jedem Kern steckt nämlich ein winziges Apfelbäumchen, musst du wissen. Und das wartet
nur darauf, groß und stark zu werden.“
„Echt?“,
fragte er erneut. „Dann sind die Kerne wie kleine Zauberer, die neue Apfelbäume
machen können!“
Oma nickte.
„Ganz genau. Und wenn du einmal einen Kern einpflanzt, wächst daraus vielleicht
ein Baum, der selbst einen Apfelkönig mit einem Stern trägt. Aber jetzt darfst
du dir den Apfel schmecken lassen. So ganz ohne Kerne, aber mit ganz viel Glück
vom Apfelkönig persönlich nur für dich.“
Ben überlegte
und fragte dann ganz ernst: „Oma, was passiert, wenn ich aus Versehen einen
Kern mitesse? Wächst dann ein Apfelbaum aus meinem Po?“
Oma musste so
sehr lachen, dass ihr fast das Messer aus der Hand fiel. „Nein, mein Schatz, da
brauchst du keine Angst zu haben. In deinem Bauch ist es viel zu dunkel und zu
eng für einen Apfelbaum. Die Kerne reisen einfach durch dich hindurch. Sie
wachsen viel lieber draußen in der Sonne an einem schönen Platz und lassen ihre
Wurzeln tief in die Erde wachsen. Aber wenn du möchtest, können wir im Frühling
gemeinsam einen Kern in die Erde legen – draußen im Garten, da wo die Sonne
scheint.“
„Oh ja, das
machen wir“, freute sich Ben und biss den ersten Zacken aus der Krone des
Apfelsterns.
© Martina Pfannenschmidt, 2026